Theranostik ist der Begriff für die Kombination von Therapie und Diagnostik (Verwendung eines Radionuklids zur Bildgebung von Tumoren und eines zweiten Radionuklids zur Behandlung von Tumoren durch Abgabe krebstötender Strahlung). Im Grunde genommen bedeutet es, ein einzelnes Rezeptormolekül auf Krebszellen mit zwei verschiedenen Radionukliden anzugreifen (Bildgebung und Therapie). Dadurch soll eine präzise und personalisierte Behandlungsstrategie erreicht werden.
Tumorzellen haben eine Hülle, die als Membran bezeichnet wird. Auf der Tumorzellmembran befinden sich bestimmte Proteine, beispielsweise der Somatostatinrezeptor (SSTR2), der als Ziel für Krebsmedikamente dienen kann.
Ga-68 DOTATOC ist ein radioaktives Diagnostikum, das auf SSTR2 abzielt. Ga-68 DOTATOC wird in die Vene eines Patienten injiziert und wandert durch den Blutkreislauf zu allen Organen und Geweben des Körpers. Wenn der Patient einen neuroendokrinen Tumor mit SSTR2 auf den Tumorzellmembranen hat, bindet sich das Ga-68 DOTATOC an das SSTR2 und der Tumor leuchtet bei einem PET-Scan auf.
Sobald mithilfe eines Ga68-DOTATOC-PET-Scans ein neuroendokriner Krebs diagnostiziert wurde, kann das Ga-68 durch ein anderes Radionuklid wie Lutetium-177 (Lu-177) oder Yttrium-90 (Y-90) ersetzt werden, das Tumorzellen, deren Membranen SSTR2 tragen, gezielt angreifen und abtöten kann.
Die therapeutischen Wirkstoffe Y-90-DOTATOC und Lu-177-DOTATATE können beide in die Venen des Patienten injiziert werden und gelangen in jeden Teil des Körpers, der SSTR2-Proteine aufweist. Diese therapeutischen Wirkstoffe binden sich wie ein Schlüssel an ein Schloss an die SSTR2-Proteine, wodurch das Medikament in die Tumorzellen eindringen und diese durch Beschädigung der DNA der Zelle abtöten kann. Gesunde Zellen rund um den Tumor, die keine SSTR2-Proteine auf ihrer Membran aufweisen, werden von dem Medikament nicht beeinflusst.
Mit einer solchen Strategie können Onkologen behandelbares Krebsgewebe umfassender abbilden, Patienten für therapeutische Anwendungen auswählen, genau sehen, wo therapeutische Wirkstoffe verabreicht werden, und die Fähigkeit des therapeutischen Wirkstoffs überwachen, Tumore im Laufe der Zeit zu verkleinern. Die Theranostik bietet Onkologen neuartige und hochwirksame Werkzeuge, um präzise Behandlungsstrategien zu entwickeln und den Nutzen einer bestimmten Behandlung basierend auf dem individuellen molekularen und genomischen Profil des Patienten vorherzusagen.
Dies ist auch ein sog. gezielte Radionuklidtherapie da es auf das spezielle molekulare Ziel der funktionierenden Krebszellen abzielt. Daher kann eine höhere Strahlungsdosis auf den Tumor gerichtet werden, ohne viele normale, gesunde Zellen zu beeinträchtigen.
Strahlentherapie kann bei der Behandlung von Krebs oder bei der Linderung der Symptome bei Patienten mit nicht mehr behandelbarem Krebs im fortgeschrittenen Stadium äußerst wirksam sein. Ungefähr die Hälfte aller Krebspatienten wird im Laufe ihrer Behandlung einer Strahlentherapie unterzogen, bei der extern oder intern abgegebene Röntgenstrahlen, Protonen oder andere hochenergetische Teilchen eingesetzt werden, um die Krebszellen gezielt zu zerstören. Obwohl verbesserte technologische Ansätze den Abbau gesunden Gewebes verringert haben, verursacht die traditionelle Strahlentherapie immer noch Nebenwirkungen, die für manche Patienten schwer zu ertragen sein können. Darüber hinaus kann die traditionelle Strahlentherapie nicht mehr als eine erkrankte Stelle behandeln, was ihren Nutzen für Patienten mit metastasierendem Krebs einschränkt. Die traditionelle Strahlentherapie bleibt jedoch eines der wirksamsten Behandlungsinstrumente der Onkologie.
Dieser neuartige Ansatz zur Tumorbehandlung – die gezielte Radionuklidtherapie – revolutioniert den Einsatz von Strahlenbehandlungen in der Präzisionsonkologie und eröffnet eine neue Klasse von Krebstherapien. Ziel der Entwicklung gezielter Radionuklidtherapien ist die Kombination von Isotopen – oder Radionukliden –, die Alpha-, Beta- oder Gammateilchen emittieren – mit Peptiden, Antikörpern oder kleinen Molekülen, um Therapien mit hoher Spezifität für bestimmte Tumorarten zu entwickeln. Gezielte Radionuklidtherapien werden dem Patienten intravenös verabreicht und sind so konzipiert, dass sie direkt zum Tumor gelangen und dort hochpräzise therapeutische Strahlung abgeben. Diese Präzision soll die Strahlung gezielt auf das Tumorgewebe abzielen und gleichzeitig die Strahlenbelastung des normalen Gewebes minimieren.
Theranostik kann bei der Behandlung metastasierter, inoperabler Tumore im fortgeschrittenen Krankheitsstadium wirksam sein, darunter Prostatakrebs, neuroendokrine Tumore verschiedener Organe wie Magen, Bauchspeicheldrüse, Dünn- und Dickdarm und Lunge. Nicht zuletzt gehört auch die postoperative Entfernung von Schilddrüsenresten und die Behandlung von metastasiertem Schilddrüsenkrebs zum Aufgabenspektrum der Theranostik.
Für die oben genannten Krebsarten liegen derzeit ausreichende Belege vor, dass die Radionuklidtherapie eindeutig von Nutzen ist. Viele andere Krebsarten können jedoch ebenfalls von Nutzen sein, wenn sie bestimmte Arten von Zielrezeptoren exprimieren, wie z. B. das Fibroblastenaktivierungsprotein (FAP) und Chemokinrezeptoren (CXCR4), die mit Theranostik gezielt angegangen werden können.
Wird derzeit nur in außergewöhnlichen klinischen Szenarien aus humanitären Gründen berücksichtigt.
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